Heike Schertz
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Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?

Ein Gedanke von Heike Schertz

Kinder sind Weltmeister im ersten Mal. Der erste Löffel Brei, das erste Wort, der erste Schritt ohne Festhalten. Das erste Mal Fahrrad ohne Stützräder, das erste Mal allein im Schwimmbecken, das erste Mal eine Nacht bei einer Freundin. Ihr ganzer Alltag besteht aus lauter kleinen Premieren. Und man merkt es ihnen an – dieses Leuchten, diese Mischung aus Angst und Stolz, diese volle Aufmerksamkeit für den Moment. Kinder sind in diesen Augenblicken hundertprozentig da.

Und dann werden wir erwachsen. Und irgendwann, ganz leise, ohne dass wir es entscheiden, hören die ersten Male auf. Nicht auf einen Schlag. Sie werden einfach seltener. Der Weg zur Arbeit wird zur Routine. Das Wochenende bekommt ein festes Muster. Die Gespräche drehen sich um dieselben drei, vier Themen. Man kennt seine Lieblingsrestaurants, seine Serien, seine Meinung zu allem – und das ist an sich nichts Schlechtes. Aber irgendwann merkt man: Es ist lange her, dass einem irgendetwas wirklich neu vorkam.

„Nicht das Alter macht uns müde. Es ist die Routine, die sich wie ein weicher Teppich über den Alltag legt – bequem, aber irgendwann spürst du den Boden darunter nicht mehr.“

Ich glaube, genau da liegt ein Teil von dem, was uns manchmal fehlt, ohne dass wir es benennen können. Nicht ein Mangel an Zufriedenheit. Sondern ein Mangel an Lebendigkeit. Und Lebendigkeit entsteht selten in der zehnten Wiederholung von etwas. Sie entsteht, wenn wir etwas zum ersten Mal tun. Wenn wir nicht wissen, wie es ausgeht. Wenn wir uns ein kleines bisschen verletzlich machen, weil wir noch keine Routine haben, an der wir uns festhalten können.

Das Gute daran: Es müssen keine großen ersten Male sein. Niemand verlangt von dir, mit vierzig, fünfzig oder sechzig eine neue Sprache zu lernen oder auszuwandern – es sei denn, du willst genau das. Es reicht oft schon, den Weg zur Arbeit einmal anders zu fahren. Ein Gericht zu kochen, das du noch nie gemacht hast. Ein Buch über ein Thema zu lesen, das du sonst nie anfassen würdest. Jemanden anzurufen, mit dem du seit Jahren nur noch schreibst. Zu einem Kurs zu gehen, obwohl du dir sicher bist, dass du darin schlecht sein wirst.

Ich frage mich manchmal selbst: Wann habe ich zuletzt etwas zum ersten Mal gemacht? Wenn ich für die Antwort länger überlegen muss, weiß ich – das ist kein Zufall. Das ist ein Signal. Kein Grund, sich schlecht zu fühlen. Aber ein guter Anlass, diese Woche etwas zu finden, das neu ist. Und sei es noch so klein.

Denn vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen einem Leben, das funktioniert, und einem Leben, das sich lebendig anfühlt. Nicht die großen Ereignisse. Sondern wie oft du dir noch erlaubst, etwas zum ersten Mal zu tun.