Warum ein gutes Leben manchmal trotzdem nicht genug ist
Ein Gedanke von Heike Schertz
Es gibt diesen einen Moment, den viele von uns kennen. Du schaust auf dein Leben und weißt eigentlich: Es ist gut. Da ist ein Zuhause, in dem du dich sicher fühlst. Menschen, die zu dir halten. Vielleicht ein Beruf, der dich nicht auffrisst, ein Konto, das nicht ständig Angst macht. Auf dem Papier stimmt alles.
Und trotzdem ist da diese leise Stimme, die sich nicht wegreden lässt. Sie meldet sich abends, wenn es still wird. Oder morgens, kurz bevor der Wecker klingelt und du noch einen Moment liegen bleibst. „Da müsste doch noch mehr sein“, sagt sie. Nicht laut. Nicht dramatisch. Nur beharrlich.
Die meisten von uns haben gelernt, mit dieser Stimme schlecht umzugehen. Wir haben genau zwei Schubladen dafür gelernt. Entweder du bist dankbar – dann darfst du nichts mehr wollen, sonst bist du undankbar, verwöhnt, nie zufrieden. Oder du willst mehr – dann bist du wohl doch nicht so dankbar, wie du tust. Als gäbe es kein Dazwischen. Als müsste man sich entscheiden.
„Dankbarkeit ist keine Tür, die sich schließt, sobald du anfängst, mehr zu wollen. Sie ist der Boden, auf dem du stehst, während du weitergehst.“
Ich glaube, dieses Entweder-oder ist einer der unfairsten Sätze, die wir uns selbst beibringen. Denn Dankbarkeit und Sehnsucht sind kein Widerspruch. Sie sind zwei verschiedene Blickrichtungen. Dankbarkeit schaut zurück und sagt: Schau, was du schon hast, was schon gut ist, wofür es sich zu danken lohnt. Sehnsucht schaut nach vorn und fragt: Ist da noch etwas, das dich ruft? Beide Blickrichtungen dürfen gleichzeitig wahr sein. Du darfst dankbar für dein Zuhause sein und trotzdem spüren, dass du innerlich umziehen möchtest. Du darfst deinen Beruf schätzen und trotzdem merken, dass er nicht mehr das ganze Bild von dir zeigt. Du darfst deine Beziehungen lieben und trotzdem manchmal einsam sein in dem, was du niemandem erzählst.
Was mir persönlich geholfen hat: aufzuhören, diese leise Sehnsucht als Fehler zu behandeln. Ich musste sie nicht wegtherapieren, nicht wegdenken, nicht mit noch mehr Dankbarkeitsübungen zum Schweigen bringen. Ich musste ihr einfach zuhören. Nicht sofort handeln. Nur zuhören, ohne sie sofort in eine Diagnose zu stecken – „bin ich undankbar“, „bin ich gierig“, „stimmt was nicht mit mir“. Manchmal ist eine Sehnsucht einfach eine Sehnsucht. Ein Hinweis, kein Urteil.
Wenn du diese Zeilen liest und etwas in dir nickt – dann bist du nicht undankbar. Du bist wahrscheinlich einfach ehrlich mit dir. Das ist ein guter Anfang. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Die Frage ist am Ende auch nicht, ob du dankbar genug bist. Die Frage ist, was diese leise Stimme dir eigentlich sagen will, wenn du ihr für einen Moment wirklich zuhörst, statt sie schnell wieder zu übertönen.