Warum ich nicht mehr auf irgendwann warte
Ein Gedanke von Heike Schertz
„Irgendwann mache ich das.“ Wie oft hast du diesen Satz schon gesagt oder gedacht? Irgendwann fange ich wieder mit Sport an. Irgendwann räume ich das Fotoalbum auf. Irgendwann rede ich mit meiner Schwester über das, was zwischen uns steht. Irgendwann nehme ich mir die Zeit für das, was ich eigentlich immer machen wollte. Der Satz klingt harmlos. Fast schon wie ein Versprechen an dich selbst.
Aber „irgendwann“ ist kein Datum. Es steht in keinem Kalender. Es hat keine Uhrzeit, keinen Wochentag, keine Erinnerung, die dich anpiepst. Und genau deshalb ist es so gefährlich freundlich. Es klingt nach Ja, fühlt sich aber wie ein Nein an, das man sich selbst nicht eingestehen möchte.
Ich habe lange gebraucht, um das zu verstehen. Für mich war „irgendwann“ eine Art Zwischenlager. Ein Ort, an den ich Dinge packen konnte, die mir wichtig waren, ohne mich gerade jetzt mit ihnen auseinandersetzen zu müssen. Das fühlte sich gut an – so, als hätte ich nichts endgültig abgesagt. Nur verschoben. Aber ein Zwischenlager, das man nie wieder öffnet, ist am Ende nichts anderes als ein Abstellraum für Dinge, die man eigentlich aufgegeben hat.
„Irgendwann ist kein Datum im Kalender. Es ist eine sehr höfliche Art, Nein zu sich selbst zu sagen.“
Was mich zum Nachdenken gebracht hat, war eine ganz einfache Frage, die ich mir irgendwann selbst gestellt habe: Was müsste eigentlich passieren, damit aus meinem „irgendwann“ ein „jetzt“ wird? Und ehrlich gesagt – mir fiel keine gute Antwort ein. Kein Zeitpunkt, an dem ich plötzlich mehr Zeit haben würde. Keine Lebensphase, die automatisch leichter werden würde. Der perfekte Moment kam einfach nicht. Und ich glaube, er kommt bei den wenigsten von uns von allein.
Das heißt nicht, dass man kopflos alles sofort tun muss. Manche Dinge brauchen wirklich Zeit, Vorbereitung, den richtigen Rahmen. Aber es gibt einen Unterschied zwischen „das braucht noch Vorbereitung“ und „ich habe eigentlich schon entschieden, dass ich es nicht mache – ich sage es mir nur noch nicht.“ Diesen Unterschied ehrlich zu erkennen, ist manchmal unbequem. Aber er ist auch befreiend. Denn ein echtes Nein kann man annehmen und loslassen. Ein aufgeschobenes Vielleicht schleppt man endlos mit sich herum.
Seitdem stelle ich mir bei jedem „irgendwann“ eine kleine Gegenfrage: Ist das ein Vielleicht mit einem echten Plan – oder ist das eigentlich schon ein Nein, das sich nur noch nicht traut? Und wenn es ein echtes Vielleicht ist: Was wäre der allerkleinste erste Schritt, den ich diese Woche schon gehen könnte? Nicht das ganze Projekt. Nur der erste Schritt.
Vielleicht hast auch du gerade ein „irgendwann“ im Kopf, während du das hier liest. Du musst es nicht sofort lösen. Aber vielleicht lohnt es sich, es einmal ehrlich anzuschauen – und dir selbst zu sagen, was es wirklich ist.